Die Geschichte eines Vereins

 

 

Historische Anmerkungen:

 

Über Gehörlose wissen wir etwas, soweit die geschriebene Geschichte der Menschheit zurückreicht.

Als Bezeichnung für das Nicht-hören-können wurde das Wort „taub" gebildet. Die gleichzeitige Unfähigkeit, auch nicht sprechen zu können, wurde als „taubstumm" bezeichnet. Weil von beiden Behinderungen das Nicht-sprechen-können am meisten auffiel, nannte man den Behinderten den „Stummen" im Buch der Sprüche (alttestamentliche Bibel) ist in Kap. 3,8 zu lesen: „Öffne deinen Mund für den Stummen!". Schon zuvor gibt es im 3. Buch Moses eine Ermahnung über „soziales

 

 

Allgemeiner Gehörlosenverein Dortmund gegr. 1886

 

 

Vorbemerkungen:

 

Wer sich anschickt, die Geschichte eines Vereins zu schreiben, tut gut daran, auch die größere Umwelt ins Auge zu fassen. Die Einbettung in die zeitgenössische Geschichte wird alles, was zu sagen ist, kontrastreicher und verständlicher erscheinen lassen.

Die Geschichte des Allgemeinen Taubstummenvereins Dortmund von 1886 hat das Leben einer Gruppe von Menschen zu schildern, die durch besondere Umstände ihres Daseins von ihren Mitmenschen merklich abgesondert und auf sich selbst verwiesen ist. Ihre Gehörlosigkeit bedeutet eine schwere Behinderung für den Umgang mit der Umwelt. Der Gehörlose hat seine Sprache künstlich erlernt. Er verfügt in der Regel nur über einen kleinen Bestand an Worten und Begriffen. Seine Aussprache klingt oft verwaschen und unartikuliert. In der Tonhöhe ist sie unnatürlich. Sie ist daher auch nur schwer zu verstehen. Untereinander nehmen Gehörlose Gebärden zu Hilfe, um das Gemeinte zu verdeutlichen.

All das führt zu einer Isolation inmitten einer Umwelt, die wesentlich von Lauten, Tönen und Geräuschen bestimmt ist. Der Gehörlose hört davon nichts. Er nimmt höchstens etwas über da Gespür wahr.

Die Isolation verschlimmert sich, wenn der Gehörlose den Eindruck gewinnt, er sei lästig, mehr noch, wenn er spürt, dass er für „beschränkt" gehalten wird. Seine Gebärden werden oft so ausgelegt.

Um ein bisschen zu verdeutlichen, wo der Gehörlose Mensch „vor der Tür" bleibt, seien genannt:

Unterhalten, Radio, Fernsehen, Konzerte, Theater, Volkshochschule, gesellschaftliche und gesellige Veranstaltungen u.v.a.m.

Es bleibt so gut wie nichts, wohin er gehen könnte, um Fortbildung oder Abwechslung zu finden. Selbst Zeitungen, Zeitschriften und Bücher sind ihm wegen seines kleinen Wortschatzes kaum lesbar. Verstanden wird vieles nicht, weil die Begriffe fehlen.

Nimmt es da Wunder, dass dieser Kreis von Menschen nach einem Raum und Rahmen sucht, in welchem er sich willkommen und wohl fühlen kann?

 

Verhalten und Nächstenliebe". Sie lautet: „Du sollst einen Tauben nicht verfluchen und einem Blinden kein Hindernis in den Weg legen". (Kap. 19,14). Aus dem Evangelium nach Markus (neutestamentliche Bibel) im Kap. 7,32 stammt das Wort „Epheta = Öffne dich", welches Christus sprach, als er dem Taubstummen das Gehör schenkte. Es ist allen Gehörlosen ein vertrautes Wort. Die Bezeichnungen für „Taub und Stumm", aus der Sprache der alten Griechen und Römer, sind noch heute in der wissenschaftlichen Sprache –bei den Ärzten- gebräuchlich: Kophosis/Surditas = Taubheit – und Mogilalie/Mutitas = Stummheit.

 

100 Jahre

 

 

Allgemeiner Taubstummenverein Dortmund gegr. 1886

 

Die Welt der Hörenden bleibt in vieler Hinsicht für den Gehörlosen verschlossen. Infolge- dessen hat jeder Zusammenschluss mit Schicksalsgenossen für den Gehörlosen eine ungewöhnlich große Bedeutung. Dies führte schon früh zur Bildung der Gehörlosen- vereine. Der Hörende kann von der Vielzahl der Vereine, denen er oft angehört, ohne weiteres mehrere oder gar alle leicht entbehren, ohne dass dies für ihn einen besonderen Verlust bedeuten würde. Der Gehörlose aber erfährt durch den Zusammenschluss mit seinen Schicksalsgenossen, mit denen er sich in seiner Weise leicht und zwanglos verständigen kann, eine umfassende und vielseitige Bereicherung seines ganzen Lebensinhaltes.

Dann kann sich der Außenstehende schwerlich einen richtigen Begriff machen. Man versteht das Sprichwort in den Kreisen der Gehörlosen „ Des Gehörlosen Heimat ist der Verein"!

Die Kameradschaft verbindet sie als Schicksalsgenossen. Bei seinen Schicksals genossen, die ihm allesamt seit der Schulzeit bekannt sind, findet der Gehörlose gleiches Interesse und Verständnis für seien Nöte. Durch Unterhaltung, durch sportliche Betätigung und durch Theaterspiel versucht er sich kulturell zu betätigen und seinen geistigen Horizont zu erweitern. Es liegt also nichts näher, als dass sich die Gehörlosen, wo immer sich ihnen die Möglichkeit hierzu bietet, mit ihren Schicksalsgenossen zu den verschiedensten Zwecken zusammenschließen: zur Pflege religiöser Bestrebungen, zum geselligen Verkehr, zur Vertretung der besonderen Belange der Gehörlosen gegenüber der Öffentlichkeit, zur beruflichen Förderung und zu gegenseitiger Unterstützung.

Die erste Vereinsgründung seitens der Gehörlosen in Westfalen ist in Dortmund verzeichnet. Im Jahre 1886 wurde hier ein „Provinzialtaubstummenverein" gegründet.

Sein Wirkungsgebiet sollte sich auf die ganze Provinz erstrecken, bleibt aber auf die Stadt Dortmund und ihre Umgebung beschränkt. Sein Name wurde darum auch etwas später in „Allgemeiner Taubstummen-Unterstützungsverein für Dortmund und Umgebung" geändert. Gründer des obengenannten Vereins war der Klempnermeister Schäfer aus Dortmund. Der Vorstand setzte sich damals zusammen aus den Herren Gössing, Barkey, Döring, Herzog und Kruse. Vereinsseelsorger war zu seiner Amtszeit Herr Pastor Seewald.

Ab 1949 übernahm Frau Else Feuerbaum den 1. Vorsitz und führte den Verein vorbildlich, der im laufenden Jahre 126 Mitglieder zählt. Aus diesem Verein war auch damals durch Herrn und Frau Feuerbaum die Idee des heutigen Deutschen Gehörlosen-Theaters hervorgegangen. Als Pastor Altenmüller pensioniert wurde, kamen Pastor Vohs, Kopton, Hunke, Laun und Frau Hiddemann, geb. Feuerbaum, als Hilfspastorin, Frau Pastorin Meyer zu Hörste. Seit 1989 führt Pastor Hendrik Korthaus bis heute unsere Gottesdienste. Zu verzeichnen: Auf Anregung von Herrn Feuerbaum und der Dortmunder Gehörlosen wurde 1950 der Gehörlosenverband beauftragt, Verbindungsmänner mit der Betreuung der Gehörlosen bei den verschiedenen Ämtern einzuführen. Dortmund war bereits mit gutem Beispiel vorangegangen. Der erste Verbindungsmann, Herr Naumann, hatte sich schon als solcher bewährt. Auch Impulse für neue Schritte in der Fürsorge für Gehörlose gingen von Dortmund aus. Die Tochter von Herrn und Frau Feuerbaum war Fürsorgerin beim Sozialamt in Dortmund. Sie übernahm ehrenamtlich die Gehörlosen-Fürsorge. Sie hielt Sprechstunden für Gehörlose ab. Betreuung der gehörlosen Jugendlichen, Berufsberatung, Gesundheitsfürsorge und Hausbesuche bei Gehörlosen gehörten zu ihrem Aufgabenbereich. Es wurden z.B. Umschulungskurse für Gehörlose in verschiedenen Betrieben gemacht, denn Arbeitsfürsorge ist die beste Gehörlosenfürsorge. Nach der Heirat von Frl. Feuerbaum übernahm Frau Frischleder (jetzige Frau Kubitz-Körner) diesen Aufgabenbereich als hauptamtliche Gehörlosenfürsorgerin. Nachfolgende Fürsorgerinnen waren Frau Horstmann. Seit 1981 ist Frau Frekes als Sozialarbeiterin bei der Stadt Dortmund in der Gehörlosenhilfe zuständig. Auf Wunsch von Frau Else Feuerbaum und der gesamten Mitglieder übernahm 1964 der bis dahin 2. Vorsitzende Herr Heinz Swambat den Vorsitz. Frau Else Feuerbaum wurde zur Ehrenvorsitzenden ernannt. In der neueren Zeit ist die Bezeichnung „Taubstumm“ durch „Gehörlos“ ersetzt worden. Somit beschloss unser Verein sich wieder einen neuen Namen zu geben, er sollte von da an „Allgemeiner Gehörlosenverein Dortmund 1886“ heißen. Nach 31jähriger Vorstandstätigkeit hat Herr Heinz Swambat auf seine Wiederwahl verzichtet, um der jüngeren Generation Platz zu machen. Ein weiteres wichtiges Datum unserer Vereinsgeschichte war im März 1986. In diesem Monat wurde die Einrichtung eines Gehörlosen Kultur- und Freizeitzentrums in der Lindemannstr. 66-68 in Dortmund verwirklicht. 1995 fand der Umzug des Zentrums für Gehörlosenkultur (damals: Förderverein der Gehörlosen) mit dem Stadtverband der Gehörlosenvereine Dortmund 1948 e.V. und dem Allgemeinen Gehörlosenverein Dortmund 1886 e.V. und verschiedenen Vereinen in ein neues Zentrum auf der Huckarderstr. 2-8 statt. Das Amt als 1. Vorsitzender übernahm Herr Vogt von 1989 bis 1993 und Rainer Quast geb. Piering von 1993 bis 2001. Eingestiegen ist Frau Edith Stollmann als 1. Vorsitzende am 03.03.2001. Sie weckt die gute, positive Assoziation. Ihr liegen die kulturellen und sozialen Bereiche besonders am Herzen.